DINGS OHNE D

Dorfgespräche und andere Geschichten

Unverzichtbar?

Ich sehe meinen Nachbarn und die Neuigkeit platzt aus mir heraus: „Hast du gehört, die Linken machen jetzt Jagd auf Milliardäre!“

Er ist verblüfft: „Wie bitte? Wo hast du das denn her?“

„Habe ich im Netz gelesen, bei Fakebook.“

Nachdenklich sagt er: „Ich glaube, ich weiß was du meinst – in den USA hat, hmm, ich glaube, es war einer der demokratischen Präsidentschaftskandidaten etwas gesagt wie ‚should billionaires exist?‘ – kann’s das gewesen sein?“

„Kann sein“, sage ich, das klingt irgendwie vertraut, „aber dann habe ich ja recht, oder?“

„Na ja“, sagt er, „hängt doch sehr vom Kontext ab. Also, in welchem Zusammenhang wurde es gesagt und wie war es gemeint?“

„Also ich finde die Formulierung eindeutig.“

„Hmm, wie würdest du es denn übersetzen?“

Ich zögere, „du weißt doch, ich und Englisch … aber naja: Sollten Billionäre, ich meine Milliardäre, existieren? Er sagt also implizit, dass sie kein Existenzrecht haben.“

Mein Nachbar schüttelt den Kopf. „Zunächst mal wird nur etwas zur Diskussion gestellt – es ist die Anregung, sich über eine Frage Gedanken zu machen. Und man könnte es auch so übersetzen: Braucht die Welt Milliardäre? Damit stellt man nicht so sehr die aktuellen Superreichen zur Diskussion, sondern die Frage, ob es überhaupt im Interesse der Gesellschaft ist, dass Einzelne derartig reich werden.“ Er schaut mich fragend an.

„Was ist“, frage ich ihn.

„Na, wie siehst du das? Würdest du sagen: Es geht nicht ohne Milliardäre!“

„Hmm, da habe ich noch nie drüber nachgedacht. Ich meine, es gibt eben reiche Leute, hat’s schon immer gegeben und irgendwie haben sie sich ihr Vermögen ja auch erarbeitet.“

Mein Nachbar schaut mich zweifelnd an. „Lassen wir das mal dahingestellt sein, ob sie sich das erarbeitet haben“, sagt er. „Ich finde folgende Frage interessanter: Die Situation ist momentan so, dass einige Wenige über alle Maßen reich werden können. Sie können unbegreiflich und sinnlos viel Geld anhäufen. Ist das für die Gesellschaft in der sie leben vorteilhaft, gleichgültig oder schädlich?“ Er sieht mich fragend an, „was würdest du sagen?“

Ich überlege, dann fällt mir ein, was ich mal über die Wirtschaft gehört habe: „So wie ich das verstanden habe, ist es doch so, dass reich wird, wer Initiative zeigt, innovativ ist und neue Sachen oder neue Verfahren erfindet. Das bringt dann für alle einen Nutzen, indem es Arbeitsplätze schafft und neue und bessere oder billigere Produkte für jedermann ermöglicht. Es haben also alle was davon, am meisten aber natürlich der Unternehmer mit der Idee.“

„Ja und?“, sagt mein Nachbar und sieht mich stirnrunzelnd an, „was heißt das jetzt?“

„Na, das man es den Menschen nicht schwer machen sollte etwas zu unternehmen, weil sie es sonst nämlich lassen. Und dann gibt es keinen Fortschritt mehr.“ Ich bin recht zufrieden mit meiner Beweisführung.

„Du bringst da etwas durcheinander“, sagt er. „Und zwar den Antrieb, etwas zu unternehmen, also zum Beispiel etwas zu erfinden und die Möglichkeit scheiße reich zu werden. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Der menschliche Erfindungsgeist ruht nie. Es gibt immer Menschen mit Ideen und die treibt in den seltensten Fällen das Geld. Eher im Gegenteil. Die Geschichte ist voller Enthusiasten, die später von ihren Geldgebern über’n Tisch gezogen wurden, weil Geld sie nämlich überhaupt nicht interessierte.“

„Na gut“, sage ich, „das stimmt wohl. Aber warum soll es denn schlecht sein, wenn manche Leute irre viel Geld haben? Ist das nicht einfach nur Neid?“

Mein Nachbar lächelt mich an. „Um das Warum geht’s uns ja gerade: Ist es für eine Gesellschaft gut oder schlecht? Aber um dieses immer wiederkehrende Neid-Argument mal abzuhaken: Hättest du gerne hunderte Millionen Euro? Sei ehrlich.“

Ich überlege. Wäre ich gerne schweinereich? Mit ner riesigen Villa? Häuser und Wohnungen überall auf der Welt? Jeder Menge dicker Schlitten? ´Ne Yacht? Nur das feinste Essen jeden Tag? Diener und Chauffeure?

„Eigentlich nicht“, sage ich und bin selbst überrascht. „Ich meine, es wäre schön zu wissen, dass man finanziell abgesichert ist. Aber ich will nichts, wofür ich besonders viel Geld bräuchte. Ein bisschen mehr wäre natürlich immer nett, aber so viel …“, ich schüttle den Kopf. „Nee, da hätte ich glaube ich vor allem Sorgen von.“

Er strahlt mich an, „verstehe ich, geht mir ganz genauso. Und wahrscheinlich den meisten Menschen. Das Leben der Reichen und Superreichen schaut man sich schon mal an, aber eigentlich doch eher kopfschüttelnd, wenn nicht bedauernd.“

„Ja, und?“, sage ich.

„Na, wenn wir kein Interesse an so viel Geld haben, dann kann man wohl kaum von Neid sprechen, oder?“, er sieht mich fragend an.

„Das stimmt“, sage ich und bin schon wieder überrascht.

„Es geht also nicht darum, dass die nicht so viel Geld haben sollen, weil wir es auch nicht haben. Es geht darum, ob es für die Gesellschaft insgesamt besser wäre.“

„Hmm“, sage ich nachdenklich, so langsam finde ich die Idee interessant. „Dann meinst du also auch gar nicht, dass das Geld der Reichen unter allen aufgeteilt werden soll?“

„Nein, natürlich nicht!“, lacht er, „Was ist das denn für eine sonderbare Idee?“

„Na ja“, sage ich achselzuckend, „ich dachte halt, Enteignung, Vergesellschaftung und so …“.

„So weit sind wir doch noch gar nicht. Außerdem überlegen wir doch noch. Vielleicht kommen wir ja drauf, dass Milliardäre super für eine Gesellschaft sind.“

„Ach so?“, sage ich, dann fällt mir etwas ein, was er eben gesagt hat: „Wieso sagst du eigentlich, dass sie ‚sinnlos‘ viel Geld haben? Je mehr desto besser, würde ich sagen“.

„Hmm“, sagt er, „lass mal überlegen, wie ich dir das erkläre …“

Er schaut einen Moment in die Luft, dann sagt er: „Man betrachtet ja gerne den Zeitraum, den jemand bräuchte, um … sagen wir mal eine Milliarde anzusparen.“

„Schon ein Weilchen, oder?“, sage ich.

„Wie man’s nimmt“, antwortet er, „wenn du jedes Jahr eine Million übrig hast, die du auf die Seite legen kannst, dann sind es nur tausend Jahre. Kannst du jeden Monat eine Million auf die Seite legen, sind es schon nur noch gut achtzig Jahre. Und wenn du jede Woche eine übrig hast, hast du es schon in zwanzig Jahren geschafft. Ist doch überschaubar.“

Ich überlege. „Ich weiß ja nicht. Wenn ich sehe, wieviel wir so sparen können … mehr als ein paar tausend kriegen wir im Jahr nicht zusammen. Auch wenn wir uns anstrengen.“

„Und damit seid ihr schon gut dran“, sagt er. „Die meisten Menschen müssen ja auf jede Mark schauen, nur um über den Monat zu kommen.“

Ich grinse. „Du sagst auch immer noch Mark, genau wie ich.“

„Frühe Prägung.“

„Prägung passt in dem Zusammenhang ja wie die Faust auf’s Auge.“

„Stimmt“, grinst er. „Aber um mal zur Milliarde zurückzukommen: Interessanter finde ich eigentlich die Rückwärts-Betrachtung.“

„Rückwärts-Betrachtung?“ Ich runzle die Stirn.

„Na, nicht wie lange muss ich sparen? Sondern wieviel könnte ich ausgeben?“

„Stimmt“, sage ich, „das ist spannender – aber eigentlich auch ganz einfach: alles was man hat“.

„Na, ich hätt’s gern ein wenig systematischer, also zum Beispiel: wieviel kann ein Milliardär jeden Tag ausgeben, wenn er am Ende seines Lebens nichts übrig behalten will?“.

„Und?“

„Sagen wir mal, er geht davon aus, dass er noch fünfzig Jahre vor sich hat und er gehört zur alleruntersten sozialen Milliardärsschicht, hat also nur eine einzige Milliarde. Dann kann er pro Jahr 20 Millionen ausgeben. Fünfzig Jahre lang.“

„Unterste Milliardärsschicht ist gut“, lache ich. „Das sind dann pro Tag ..“

„Knapp 55.000“, beantwortet er meine Frage. „Und dabei haben wir noch gar keine Rendite berücksichtigt – mit so viel Geld kann man immer etwas erwirtschaften. Auch in Zeiten von Negativzinsen. Wenn wir nur eine winzige Rendite von einem Prozent annehmen, dann ist das bei einer Milliarde ein jährliches Plus von 10 Millionen. Die immer noch oben drauf kommen. Das heißt, er gibt vielleicht zwanzig Millionen aus, aber zehn bekommt er wieder. Bei einer Rendite von zwei Prozent, könnte er Jahr für Jahr die zwanzig Millionen ausgeben – aber sein Vermögen würde um nichts weniger!“

„Stark!“, ich bin beeindruckt.

„Und das war ja nur der Unterschicht-Milliardär“, führt er weiter aus. „Einer aus der Mittelschicht, mit sagen wir mal zehn Milliarden, könnte täglich eine halbe Million raushauen. Täglich. Tag für Tag.“

Ich rechne kurz und sage dann: „Am Tag? So viel verdiene ich in zehn Jahren nicht. Also netto.“

„Und du lebst doch nicht schlecht, oder? Wenn wir jetzt also so einen Milliardär betrachten, würdest du mir nicht zustimmen, dass er sinnlos viel Geld hat? Es wird aus sich selbst heraus immer mehr werden – ist aber auch so schon viel, viel mehr, als ein Mensch jemals sinnvoll ausgeben kann.“

Ich nicke und denke ‚Wir haben ein Haus, ein Auto, fahren zwei Mal im Jahr in Urlaub, haben den Kindern gute Ausbildungen ermöglicht und wenn wir mal etwas anschaffen wollen, brauchen wir dafür meist nicht erst ewig sparen. Ja, wir leben sicher nicht schlecht‘.

Und weil mein Nachbar mich so abwartend ansieht, sage ich widerstrebend: „Ja, aus Sicht eines normalen Menschen kann man das wohl als sinnlos viel Geld bezeichnen. Und, bist du jetzt zufrieden?“

Er sieht mich nachdenklich an. „Nö“, sagt er, „zufrieden wäre ich, wenn es nur noch sinnvollen Reichtum gäbe – aber das erlebe ich wohl nicht mehr.“ Dann hebt er die Hand zum Gruß und sagt „lass uns ein andermal weiterreden. Ich muss rein“. Er grinst, „meine Goldbarren polieren“.