DINGS OHNE D

Dorfgespräche und andere Geschichten

Fremder Leute Müll

Ich plaudere mit meinem Nachbarn und plötzlich fällt mir etwas ein: „Sag mal, warst du in letzter Zeit mal bei der Badestelle?“

„Du meinst den Badestrand, wo immer so viel los ist im Sommer?“ fragt er.

Ich nicke.

„Nö“ sagt er, „ich hab ja immer die Hunde dabei und wenn da jemand badet, kann ich die ja schlecht ins Wasser lassen. Ich gehe lieber in die andere Richtung, zum kleinen Waldsee, da ist nie jemand. Aber warum fragst du?“

„Na, wenn du da lang gehen würdest, dann wüsstest du, wie es da aussieht: Alles voller Müll! Kaffeebecher, Dosen, Zigarettenpackungen … Ich geh‘ da ja fast jeden Tag schwimmen, es wird immer schlimmer, kannst du dir nicht vorstellen.“

Er verzieht das Gesicht, „Doch, kann ich mir sehr gut vorstellen. Da kommen halt ´ne Menge Leute hin, auch aus anderen Orten und“, er schüttelt den Kopf, „aus mir unbegreiflichen Gründen, lassen dann immer mal wieder welche ihren Müll liegen.“

„Schweine!“ sage ich inbrünstig.

„Ja“ sagt er schulterzuckend, „ist halt so. Es sind natürlich nur einige wenige, aber das reicht schon. Und wenn erstmal was da liegt, kommt bald noch was dazu.“

„Aber da muss man doch irgendwas gegen tun“, sage ich.

„Ja“ nickt er, „natürlich.“

Ich überlege, „wir rufen bei der Gemeinde an, die sollen jemanden schicken.“

Mein Nachbar legt den Kopf schief und sieht mich zweifelnd an. „Ich habe eine bessere Idee: Wir sammeln den Müll einfach selber auf.“

Ich schüttle ungläubig den Kopf, „Du hast ja Ideen – ich sammle doch nicht fremder Leute Müll auf!“

Er schaut mich erstaunt an, „Echt nicht? Mach‘ ich dauernd. Ich dachte jeder macht das.“

Wir sind beide verblüfft.

Ich überlege, „Also jetzt mal langsam, du sagst, du sammelst regelmäßig Müll auf?“

„Na klar. Ich bin mit den Hunden doch jeden Tag zu Fuß unterwegs und wenn irgendwo was rumliegt, hebe ich es auf. Würdest du das nicht tun?“

Ich schüttle den Kopf, „Vielleicht mache ich es, wenn du mir einen guten Grund dafür nennst – aber bisher bin ich noch nie auf die Idee gekommen.“

Er sieht mich ungläubig an, „Na, das ist doch ganz einfach: Wir sind hier auf dem Dorf, es gibt keine Straßenreinigung. Alles bleibt solange liegen, bis es irgendjemand aufhebt.“ Er überlegt, „aber stimmt schon, es hat bei mir auch eine Weile gebraucht. Irgendwann ist mir aufgefallen, dass ich mich immer wieder über den gleichen Müll auf der Straße ärgere –man geht ja doch immer wieder ähnliche Wege – und dann habe ich ihn einfach eingesteckt. Und als ich das nächste Mal da lang kam, hatte ich keinen Grund mehr mich zu ärgern. Und seitdem mache ich es immer so, das heißt, wir machen es so. Meine Frau natürlich auch.“

Er nimmt seine Tasche auf, die am Zaun hängt. „Hier schau mal“, sagt er, „das ist die Ausbeute von heute“ und nimmt ein Bündel Folien und Papiere heraus. „Pass auf, da ist eine dicke Glasscherbe dabei.“

Ich schlucke. „Das Knäckebrotpapier da, das könnte von mir sein. So eins habe ich neulich unterwegs mal gegessen. Ist mir wohl aus der Tasche gefallen.“

Er zuckt die Achseln, „Kann passieren. Solange du es nicht absichtlich in den Wald schmeißt …“