Blauer Brief
Ich habe meine Papiertonne an die Straße gestellt und sehe, dass mein Nachbar das zufällig auch gerade tut. Also gehe ich zu ihm. Wir plaudern ein wenig übers Wetter, da fällt ihm etwas ein. »Einen Moment«, sagt er. Geht zu seinem Briefkasten, nimmt etwas heraus und kommt zurück. Er öffnet den Deckel der Tonne, um die Sachen hineinzuwerfen - scheinbar Werbung - da sehe ich ein vertrautes Blau zwischen den Papieren.
»Wart mal«, sage ich. Greife nach dem Flyer und halte ihn ihm hin. »Hast du den gar nicht gelesen?«, frage ich.
»Nein«, sagt er, »ich habe ihn nicht gelesen und ich habe es auch nicht vor. Es steht mit Sicherheit nur Unsinn drin. Und du weißt ja, ich ärgere mich nicht gerne.«
»Wie kannst du das denn einfach so behaupten?«, frage ich entrüstet. »Aber von mir immer verlangen, dass ich alles erst ganz genau prüfe. Du bist ganz schön scheinheilig!«
»Manchmal kann man eben schon von außen erkennen, was einen drinnen erwartet«, sagt er seufzend. »Zum Beispiel habe ich gestern einen vollen Hundekackebeutel am Straßenrand gefunden ...«
»Das ist ja wohl was völlig anderes.«
Er wiegt den Kopf, »also, in diesem Fall ...«.
Er schaut auf den Flyer und kommt nach kurzem Zögern scheinbar zu einer Entscheidung. »Aber nun gut.« Er nimmt ihn mir mit offensichtlichem Widerwillen aus der Hand, klappt ihn auf und beginnt zu lesen. Schon nach wenigen Augenblicken schüttelt er ungläubig den Kopf, lässt den Flyer für einen Moment sinken, hebt ihn dann aber wieder hoch und liest weiter. Schließlich klappt er ihn zu und schaut geistesabwesend ins Leere.
»Und?«, frage ich, »was denkst du?«
Er braucht einen Moment bis er antwortet, schließlich sagt er: »Ich denke, ich sollte ganz schnell in meinem Buchladen anrufen«.
»Nein, ich meine über den Flyer.«
»Das meine ich auch.« Er schaut weiter ins Leere. »Ich habe heute morgen ein Buch bestellt«, erklärt er schließlich, »es heißt: Zu dumm für die Demokratie? Das kann ich mir glaube ich sparen.«
»Hä?«
»Na, wir wissen ja beide, wie die Wahl am Sonntag ausging.«
»Klar«, sage ich, »ist gut gelaufen«.
Er schaut mich milde lächelnd an, »nun ja«. »Zumindest haben die Verfasser dieses ...«, er schaut noch mal auf den Titel, »... Infobriefs, dabei ganz gut abgeräumt. Wieviel haben sie in der Gemeinde geholt? So rund vierzig Prozent, oder?«
Ich nicke grinsend.
»Für mich ist das das Gegenteil von gut gelaufen. Aber wie auch immer, jedenfalls hat fast die Hälfte der Menschen diese Partei gewählt und zwar, obwohl sie so etwas wie das hier schreiben«. Er wedelt mit dem Flyer.
»Genau«, sage ich. »Ganz demokratisch.«
»Genau«, bestätigt er. »Und damit ist auch die Frage beantwortet, die dieses Buch stellt. Wenn die Menschen das hier lesen und die dann trotzdem wählen - oder womöglich sogar deswegen, dann sind große Teile der wahlberechtigten Bevölkerung ...«.
Er spricht es nicht aus, aber es ist ja klar was er meint. Entsprechend beleidigt bin ich.
»Was da drin steht, stimmt«, sage ich deshalb trotzig. »Ich habe es sogar nachgerechnet.«
»Uups«, sagt er, »du hast dir die Entscheidung also nicht leichtgemacht. Ich bin beeindruckt.«
»Naja, ich hätte sie sowieso gewählt. Egal was da drin steht. Aber es hat mich einfach interessiert.«
Mein Nachbar nickt nachdenklich.
»Und jetzt interessiert mich, was du daran schon wieder auszusetzen hast.«
»So, so. Na, dann wollen wir doch mal sehen.« Er klappt den Flyer wieder auf und schaut hinein. »Nehmen wir doch gleich die ersten Sätze. Da begründen sie ihre Ablehnung des Entwurfs einer kommunalen Wärmeplanung mit dem Argument, dass Planung nach Planwirtschaft klingt.«
Ich nicke, etwas unbehaglich, weil mir das auch komisch vorgekommen war.
»So jemandem möchte man doch unbedingt die Geschicke des Landes überantworten«, sagt er. »Ich hatte ja bisher gedacht, dass Planung und Vorsorge sozusagen der Inbegriff verantwortlichen Regierungshandelns wären ... So kann man sich irren.«
»Das ist vielleicht etwas unglücklich formuliert«, gebe ich zu. »Es ist ja eben auch Werbung, da muss es immer kurz und knackig sein. Und sie meinen ja vor allem, dass speziell diese Planung unnötig sei.«
»Verstehe«, sagt er. »In der Werbung kommt's nicht so drauf an, da denkt man sich einfach was wohl gemeint ist.« Er nickt vor sich hin.
»Weiter unten wird es doch erklärt«, sage ich.
»Ach ja«, sagt er. »Stimmt. Da wird es richtig ... «, er überlegt, »... richtig furchtbar.«
»Furchtbar ist«, sage ich, »dass du da total mit Vorurteilen rangehst. Du gibst ihnen überhaupt keine Chance ihre Ansicht zu erklären.«
»Das stimmt«, sagt er. »Allerdings würde ich es nicht Vorurteil, sondern Vorwissen nennen. Ich weiß ja was sie behaupten. Schreien es ja bei jeder Gelegenheit raus. Was sie lustigerweise nicht daran hindert zu behaupten, dass man nichts mehr sagen dürfe.«
»Nun, wie geht denn ihre Argumentation? Schauen wir mal.« Er überfliegt die nächsten Zeilen.
Bei seinen nächsten Worten merke ich auf.
»Was ich allerdings zugeben muss«, sagt er nämlich, »ist, dass sie sehr geschickt in ihrer Wortwahl sind. Das lenkt ganz nebenbei auch sehr gekonnt davon ab, dass die sechs Punkte, mit denen sie ihre Ablehnung angeblich begründen wollen, alles Fragen sind. Ich hätte ja Argumente erwartet ... aber was weiß ich schon?«
»Echt?«, frage ich, »ist mir gar nicht aufgefallen«.
»Sag ich ja. Zum Beispiel Punkt 1: Was erscheint glaubwürdig an der Theorie von der Klimaschädlichkeit - natürlich in Anführungszeichen - des Spurengases CO2?«
»Tatsächlich«, sage ich, »das ist eine Frage. Aber wenn man Bescheid weiß, steckt die Antwort ja schon mit drin.«
Mein Nachbar sieht mich freundlich lächelnd an. »Wie ich schon sagte, da ist jemand recht geschickt mit Worten. Wenn der Leser auch nur geringfügige Hoffnung hat, dass es keinen Klimawandel gibt, dann bestärkt ihn dieser Satz darin; einfach durch die Wortwahl.«
»Versteh ich nicht«, sage ich. »Das sind doch ganz normale Worte?«
»Natürlich.« Er lächelt mich glücklich an. »Es gibt ja auch gar keine anderen. Aber sie sind besonders gut gewählt. Pass auf, gleich zu Beginn: 'Was erscheint ...'. Nicht etwa: 'Was ist ...', Schon mit dem zweiten Wort wird dem Leser klargemacht, es geht nur um den Schein. Wir reden hier über Dinge, die nicht wirklich, sondern die nur scheinbar existieren. Meisterhaft!«
Er nickt anerkennend.
»Aber schauen wir weiter. Gleich im nächsten Wort wird das Ganze dann in der Bedeutung total runtergestuft: es geht hier nicht um den Fortbestand der Zivilisation ...«, er schnalzt ein paar Mal, »ts ts ts, Dummerchen. Es geht einfach nur um Glaubwürdigkeit. Man kann es glauben oder nicht. Keine große Sache. Außerdem ist es nur eine Theorie. So wie das Wort hier daherkommt also etwas Ausgedachtes, ein Hirngespinst. Dann die Klimaschädlichkeit in Anführungsstrichen, also etwas sehr Fragwürdiges. Dazu eine Schreibweise, die einen unwillkürlich an Niedlichkeit denken lässt. Phänomenal.« Er ist ganz begeistert. »Und zum Schluss darf natürlich nicht unerwähnt bleiben, dass es nur ein Spurengas ist, gemessen am großen Ganzen nun also wirklich nicht ins Gewicht fällt.« Er schaut den Flyer fast liebevoll an.
»Du musst zugeben«, sagt er, »das ist handwerklich allererste Sahne. Wenn ich was zu verkaufen hätte, würde ich den, der das geschrieben hat sofort einstellen.« Er macht eine kurze Pause. »Aber wahrscheinlich könnte ich ihn mir nicht leisten«, sagt er nachdenklich.
»Ich gebe gar nichts zu«, platze ich heraus. »Außerdem wollte ich eigentlich, dass du dich mit den Argumenten auseinandersetzt, nicht mit der Wortwahl.«
»Tja, da ist es ja nun schade, dass es gar keine Argumente gibt. Nur Fragen.« Er schüttelt bedauernd den Kopf.
»Aber gut, ich verstehe was du meinst. Schauen wir uns also die als Argumente verkleideten Fragen an.«
Er sieht in den Flyer.
»Der nächste Punkt ist so dämlich ...«, er schüttelt den Kopf, »das kann ich gar nicht glauben.« Er überlegt, »obwohl, ... hmm ... es macht schon Sinn«. Er wendet sich zu mir: »Ich mache immer wieder den Fehler rational an so einen Text ranzugehen, also als wollte der Autor ernsthaft argumentieren. Aber das ist natürlich nicht der Fall.« Er lacht leise über sich selbst. »Das ist ein ur-menschliches Problem«, erklärt er ganz ernsthaft, »wenn wir nicht von vornherein guten Grund haben misstrauisch zu sein, gehen wir immer erstmal davon aus, dass das, was man uns sagt, der Wahrheit entspricht. Dass unser Gegenüber also nicht absichtlich versucht uns zu täuschen.« Er grinst. »Aber bei einem Werbetext ist das natürlich eine ziemlich ungeschickte Herangehensweise.«
»Was steht denn da überhaupt?«, frage ich.
»Da steht:«
Ich lasse mir die Worte durch den Kopf gehen. »Fehlt da nicht was? Hast du da was ausgelassen?«, frage ich schließlich.
»Ich habe nichts ausgelassen, aber du hast völlig recht, da fehlt eine Verneinung. Zum Beispiel noch ein 'nicht' am Ende.«
»Na«, sage ich, irgendwie beruhigt, »ist wohl doch kein hochbezahlter Werbetexter gewesen.«
Mein Nachbar wiegt den Kopf. »Nicht unbedingt. Fehler einzubauen ist manchmal durchaus sinnvoll. Mache ich auch gelegentlich. Lässt den Absender normaler erscheinen, menschlicher. Und der Sinn ist ja trotzdem klar.«
»Eben hast du noch gesagt es wäre sinnlos.«
»Ich habe gesagt es ist dämlich. Und das ist es auch. Hier wird etwas als große Weisheit präsentiert, das völlig selbstverständlich ist - und überhaupt nichts mit der Klimakatastrophe zu tun hat.« Er beugt sich zu mir herüber und flüstert verschwörerisch: »Aber es ist eben auch geschickt. Der Leser liest es, stimmt unwillkürlich zu und der Text fühlt sich dadurch wieder etwas richtiger an. Sehr clever.«
»Den dritten Punkt überspringen wir«, sagt er, »denn der vierte bezieht sich direkt auf den zweiten. Ich fasse es mal zusammen: Mehr CO2 bedeutet mehr Pflanzenwachstum und das bedeutet weniger Hunger auf der Welt. Ist das nicht wunderbar?« Er grinst vergnügt.
»Aber das stimmt doch auch.«
»Genau«, lacht er, »wir können den Hunger auf der Welt bekämpfen, indem wir mehr heizen und mehr autofahren.«
»Ähh, so vielleicht nicht«, sage ich verwirrt. Das klingt nun auch für mich nicht besonders plausibel.
»Natürlich nicht. Wir haben kein Problem der Nahrungsmenge - schließlich schmeißen wir ja auch genug weg. Wir haben ein Verteilungsproblem. Und ein Armutsproblem. Und ein Diktatorenproblem. Aber es gibt ganz sicher nicht das Problem, dass die Pflanzen aus Mangel an CO2 vor sich hinkümmern.«
Im Stillen ahne ich, dass er recht hat. Sage aber nichts.
»Aber so etwas da hinzuschreiben ...«, er wiegt nachdenklich den Kopf, »das ist schon dreist. Da war sich der Texter seiner Sache sehr sicher. Wer bis hier gelesen hat, wird er sich gedacht haben, und meine Zahlen geschluckt hat, dem gebe ich hiermit den Rest. Gebe ihm ein Top-Argument uns zu wählen: Mit deiner Stimme beseitigst du den Hunger in der Welt und kannst weiter autofahren und deine Gasheizung aufdrehen. Eine Win-Win-Situation. Brilliant.«
Aus seiner Stimme klingt widerwillige Anerkennung.
Er blickt auf die zweite Seite. »Hier geht's im gleichen Stil weiter«, sagt er. »Der Texter hat den Leser jetzt im Griff und wirft ihm noch ein paar Wohlfühl-Worthülsen hin. Nicht übel. Furchtbar, aber gekonnt.«
»Lies schon vor«, sage ich gottergeben.
»Und«, seufze ich, »was passt dir daran nicht? Meinst ausgerechnet du, dass Milliardäre keine Macht haben?«
»Haben sie, sogar viel zu viel. Nur gibt es vermutlich nicht besonders viele mit einer grünen Agenda. Aber es gibt sehr, sehr viele mit einer kohlschwarzen. Weil ihr Vermögen nämlich auf der Ausbeutung fossiler Brennstoffe beruht. Von denen steht hier aber natürlich nichts.« Er grinst. »Dafür werden die Finanzunternehmen als Gegner benannt. Das ist immer gut, kein normaler Mensch kann die leiden.«
»Na siehst du«, sage ich. »Es ist nicht alles ... falsch.«
Er lacht. »Finanzunternehmen der Klimalobby? Finanzunternehmen gehen dahin, wo Geld zu machen ist. Wo geht das wohl besser: mit Solar- und Windkraft oder mit fossilen Brennstoffen?«
Ich überlege.
»Ich geb dir einen kleinen Tipp: Fossile Brennstoffe erfordern Anlagen, meist sogar ziemlich große und man muss ununterbrochen Energie in sie reinstecken, damit hinten dann Strom oder Wärme rauskommt. Energie, die man in Form von Öl, Gas oder Kohle kaufen muss. Solar- und Windkraftwerke müssen konstruiert, gebaut und aufgestellt werden. Das kostet Geld. Aber wenn sie erstmal installiert sind, sammeln sie Tag für Tag Energie ein, die vom Himmel fällt und keinen Cent kostet.«
Er schaut mich lächelnd an. »Worauf setzt man also, wenn's einem ums Geld geht?«
»Vermutlich schon eher auf Öl und Gas«, grummle ich. »Ist aber auch praktischer.«
Er verdreht die Augen. »Schon eher? Du machst dir keinen Begriff davon, wie unfassbar viel Geld damit gemacht wird.«
Ich sehe ihn fragend an.
»Ungefähr 4 Milliarden Dollar «
»Das scheint mir jetzt nicht sooo viel zu sein«, unterbreche ich ihn.
»... pro Tag. Das war jedenfalls der Durchschnitt bis 2021, seitdem hat es sich noch mal mehr als verdoppelt. Und das ist nicht der Umsatz, das ist der Gewinn. Die schwimmen in Geld. Kein Wunder, dass sie alles dafür tun, damit es so bleibt.«
Unwillkürlich muss ich an eine Dokumentation über den märchenhaften Reichtum der Herrscherfamilien in den Ölstaaten denken, die ich vor kurzem gesehen habe.
»Zugegeben«, sage ich, »um Geld geht's in dem Text nicht, aber da sind doch noch ein paar andere ganz interessante Zahlen.«
»Ach ja«, sagt er, »Punkt drei. Das ist auch hübsch.«
Er liest vor:
Er sieht mich erwartungsvoll an.
»Was denn?«, frage ich. »Du wirst zugeben, dass sie da recht haben.«
»Womit denn?« fragt er unschuldig zurück, »das Wesentliche ist ja wieder mal eine Frage.« Er schaut noch mal in den Flyer. »Aber die Zahlen sehen okay aus, obwohl der CO2-Anteil meines Wissens etwa 420ppm beträgt, aber naja.«
»Die Zahlen stimmen«, sage ich. »Ich hab's nachgerechnet. Hab ich doch gesagt. Und Zahlen lügen nicht, sagst du doch selbst immer. Und deshalb könntest du jetzt mal zugeben, dass das wirklich ziemlich kleine Zahlen sind. Unbedeutende Zahlen geradezu.«
»Das Problem mit Prozentzahlen«, sagt er nach kurzer Überlegung, »ist, dass sie einem überhaupt nichts über die absolute Größe eines Wertes verraten.«
»Wenn etwas immer kleiner wird«, sage ich, »also nur noch Bruchteile eines Prozentes beträgt, dann wird das auch irgendwann egal, oder?«
»Hmm. Der menschengemachte CO2-Anteil der Atmosphäre beträgt hiernach etwa zwei Hunderttausendstel. Korrekt?«
»Wenn du's sagst wird's schon stimmen. Ist auf jeden Fall ziemlich wenig.«
»Wenn dir der reichste Mensch der Welt zwei Hunderttausendstel seines Vermögens anbieten würde, würdest du also gelangweilt abwinken«, sagt mein Nachbar. »Würde sich nicht lohnen.«
»Nö«, sage ich. »Jeder Euro zählt, aber ich würd mich dafür nicht auf den Kopf stellen.«
»Beeindruckend. Der reichste Mann der Welt wird auf rund 400 Milliarden Dollar geschätzt. Ein Tausendstel wären also 400 Millionen, zwei Hunderttausendstel also 8 Millionen Dollar.«
»Ooh«, sage ich nur. »Das würde sich dann ja doch lohnen.«
»Ja«, sagt er. »Ein kleiner Teil von sehr viel ist eben immer noch viel. Aber eigentlich spielt die Menge hier gar keine Rolle.«
»Nicht?«
»Nein«, sagt er ungewöhnlich hart. »Sie haben hier nur das alte Spiel gespielt, große Werte in kleinen Zahlen zu verstecken. Und du siehst ja, wie gut es funktioniert. Aber um die Menge geht es gar nicht. Es geht darum, dass wir den Anteil des CO2 in der Atmosphäre schon signifikant erhöht haben und immer weiter erhöhen.«
Er sieht mich an. »Du kannst dich wahrscheinlich nicht mehr an die Zusammensetzung der Atmosphäre erinnern, wie du sie in der Schule gelernt hast, oder?«, fragt er mit deutlichem Zweifel in der Stimme.
»Du wirst dich wundern«, sage ich, »aber das kann ich: 78% Stickstoff, 21% Sauerstoff, 0,9% Argon und der Rest Spurengase, darunter 0,003% CO2. Ich weiß nicht wieso, aber das ist eine der ganz wenigen naturwissenschaftlichen Sachen, die ich mir immer merken konnte.«
»Genau so habe ich es auch gelernt«, sagt er. »Und wenn du jetzt mal auf das CO2 schaust, dann wirst du sehen, dass es seit deiner Schulzeit um fast 50% gestiegen ist.«
»Das stimmt«, muss ich zugeben. »So habe ich das noch nie gesehen.«
»Es ist völlig richtig, dass sein Anteil extrem gering ist, nur etwa 420 Moleküle auf 1 Million. Aber es hat eine ganz bestimmte Wirkung und diese Wirkung steigt mit der vorhandenen Menge. Und die haben wir in wenigen Jahren um die Hälfte erhöht.«
Ich lasse mir das Gesagte durch den Kopf gehen. »Also gut. Das kann man ja alles so oder so sehen. Aber mir scheint, du wirfst ihnen vor allem vor, dass sie ihr Material von professionellen Werbeleuten erstellen lassen.«
»Überhaupt nicht. Man kann ihnen nun wirklich alles mögliche vorwerfen, aber natürlich lässt man sein Werbematerial von Profis machen. Das ist doch selbstverständlich.« Er schüttelt ungläubig den Kopf. »Diese Partei möchte an die Macht kommen, in einer der größten Wirtschaftsnationen der Welt. Da ist richtig was zu holen. Da liegt es schon ziemlich nahe, Geld in wirklich gut gemachte Werbung zu investieren. Es zahlt sich ja jetzt schon aus. Leider.«
»Glaub ich nicht«, sage ich. »Schau dir das doch an«. Ich nehme den Flyer und drehe ihn hin und her, »mir scheint das doch eher ... hausgemacht. Allein schon das Layout. Ich sag's nicht gerne, aber wirklich gelungen ist das nicht. Da sind ja unsere Vereinsmitteilungen schicker. Nein, auf mich wirkt das sehr ..., wie sagen jetzt alle ... authentisch. Genau. Da hat sich jemand aus dem Gemeinderat am Feierabend zuhause hingesetzt und das geschrieben. Jemand wie ich.«
Mein Nachbar sieht mich vergnügt an. »Wie schon gesagt, es ist ein Kunstwerk. Und irgendwie bin ich sogar begeistert zu sehen, wie gut es funktioniert.«
»Wie was funktioniert?«
»Weißt du, was in der Werbung das A und O ist?« Er wartet meine Antwort nicht ab sondern fährt direkt fort: »Zielgruppengerechte Ansprache.«
Er wartet kurz und fährt dann fort: »Werbung, also so richtig perfide, manipulative Werbung, will die Menschen beeinflussen ohne dass diese es merken. Das tut sie, indem sie tiefe, oft unbewusste Sehnsüchte anspricht. Dazu musst du dich ihr aber widmen, musst sie sozusagen zur Tür reinlassen. Und dieser Zettel«, er nickt in Richtung des Flyers, »der aussieht als wäre er am Küchentisch getippt worden, wirkt völlig harmlos. Den bittest du bedenkenlos herein.«
Er sieht mich ernst an. »Solche Werbung arbeitet nicht auf einer rationalen Ebene, auch wenn sie vielleicht so tut, mit Zahlen und angeblichen Fakten - es geht nur um Gefühle: Sehnsüchte, Hoffnungen, ... Ängste. Diese scheinbaren 'Fakten' sollen dir vor allem dabei helfen, deine Entscheidung vor dir selbst zu rechtfertigen. Weil wir die Neigung haben Entscheidungen, die wir aus einem Gefühl heraus treffen, uns selbst gegenüber als rational zu begründen.«
»Quatsch«, sage ich. »Werbung will mir was verkaufen und bevor ich was kaufe überlege ich. Ganz rational.«
Er lacht vergnügt. »Kannst du dich noch an die Marlboro-Reklame erinnern?«
»Klar, war ja meine Lieblingsmarke.«
»Das Werbemotiv war über Jahrzehnte dasselbe: Der Cowboy, unterwegs mit der Herde, lassoschwingend, in der Wildnis, am Lagerfeuer, frei und unabhängig, .. Hat nichts mit Zigaretten zu tun, aber es sind haargenau die Träume kleiner Jungen. Und deshalb auch großer. Hat wunderbar funktioniert. Sprich die unbewussten Sehnsüchte der Menschen an und sie kaufen dir jeden Quatsch ab.«
»Aber das hier ist keine Werbung, das ist ein Infobrief. Steht doch drauf.«
Er verdreht die Augen. »Ist jetzt nicht dein Ernst«, sagt er. »Was dir eine Partei in den Briefkasten wirft, ist immer Werbung. Egal was draufsteht.«
Mir fällt ein, dass ich zu Beginn unseres Gesprächs den Text selber mit dem Argument in Schutz genommen habe, dass Werbung ja immer knackig formuliert ist. Ich lasse das Thema also lieber mal auf sich beruhen.
»Kann ich das jetzt also so zusammenfassen, dass ich deiner Ansicht nach dumm bin? Ich und Millionen anderer Wähler?«, frage ich stattdessen.
»Aber nein, auf keinen Fall!«
»Hast du aber vorhin gesagt.«
»Habe ich nicht.«
»Aber gemeint.«
»Das war doch nur der Titel des Buches«, sagt er. »Du kennst mich, so etwas würde ich nicht sagen.«
Ich sehe ihn skeptisch an. »Und was würdest du sagen?«
Er überlegt einen Moment. »Das Wort das ich verwenden würde, ist ... leichtgläubig.«