DINGS OHNE D

Dorfgespräche und andere Geschichten

Ganz schön laut

Da ist wieder dieser Baulärm“, rufe ich zu meinem Nachbarn hinüber, „das geht jetzt schon seit Wochen so! Jedes Wochenende das Gleiche, sogar während der Mittagsruhe und oft sogar Sonntags!“

Ich bin wirklich entrüstet. „Mir reicht’s! Ich suche die jetzt mal und sage ihnen meine Meinung. Die haben sie doch nicht alle! Hast du eine Idee, wo das herkommt?“

„Ja“, sagt mein Nachbar, „ich weiß es sogar ganz genau. Es ist das Haus das solange leerstand, ganz hinten in der Sackgasse. Weißt du welches ich meine?“

„Na klar, die Bruchbude mit dem eingefallenen Dach. Na das kann ja heiter werden“, stöhne ich, „welcher Irre hat das denn gekauft? Da haben die ja noch Monate dran zu werkeln – wenn sie je damit fertig werden“, schüttle ich den Kopf. Ich war sicher gewesen, dass man das Haus nur noch abreißen könnte.

„Ich bin letztens mal hin“, erwidert mein Nachbar. „Mich hat der Lärm auch gestört, ich saß auf der Terrasse, wollte in Ruhe etwas lesen, da fingen die mit dem Bohrhammer an. Ich dachte also, ‚geh doch mal vorbei und lass ein paar passende Bemerkungen fallen‘. Außerdem wollte ich natürlich wissen wer das ist. Ich bin also los, immer dem Lärm nach, war nicht schwer zu finden. Aber dann, stell dir vor“ sagt er, „kam ich gar nicht dazu zu meckern, weil ich gleich begrüßt wurde. Weißt du wer das ist?“

Ich schüttele den Kopf.

„Das sind diese netten jungen Leute, die beim Dorffest mit dem leckeren Pflaumenkuchen vorbeikamen und dann gleich wieder verschwanden.“

„Nein!“ sage ich ungläubig, „Ich erinnere mich, der Kuchen war der Hammer. Und sie hatten sogar Schlagsahne mitgebracht – ich habe immer noch die Schüssel. Ich weiß noch, dass ich mich fragte, wieso sie nicht einfach Sprühsahne nahmen. Ja, die waren irgendwie gleich wieder weg.“

„Sie haben’s mir erzählt. Da waren sie damit beschäftigt, erstmal den Garten freizuräumen. Und weil sie fast nur am Wochenende Zeit zum Arbeiten haben, nutzen sie halt jede freie Minute“, erklärt er. „Ich konnte mich dann natürlich schlecht beschweren – eher im Gegenteil: Als sie davon anfing, dass es ihnen ja leid tue am Wochenende immer so einen Radau zu machen und so, aber es sei halt so viel zu tun, habe ich sie gar nicht ausreden lassen und gesagt, dass das doch ganz normal sei. Wir hätten schließlich alle mal gebaut. Meine Wut war wirklich wie weggeblasen“, er schüttelt den Kopf.

„Und weißt du was wirklich sonderbar ist?“ fragt er mich.

„Wie soll ich das wissen?“

„Seit ich weiß wer das ist und was für nette Leute das sind, stört mich der Lärm eigentlich gar nicht mehr. Es ist natürlich immer noch Lärm, aber ich sehe die beiden dann immer vor mir, denke was das für nette Leute sind und das sie Stück für Stück mit ihrem Haus voran kommen – und freue mich richtig für sie.“ Er lächelt.

„So, so“, sage ich, „und ich soll mich jetzt wohl auch freuen?“

„Na ja“, antwortet er, „du kannst dich natürlich auch weiter ärgern, ich für meinen Teil freue mich aber lieber – ist irgendwie angenehmer. Aber vielleicht würde es dir helfen, sie kennenzulernen. Und weißt du was? Zufällig brauchen sie für morgen noch ein paar Leute die mit anpacken.“

Er legt den Kopf schief und grinst, „Könnte mir vorstellen, dass es auch Kuchen gibt.“