DINGS OHNE D

Dorfgespräche und andere Geschichten

Schlemmen in Kemnath

Mitte Mai 1945

Aber eines Tages, nach vielen vergeblichen Märschen nach Kemnath, war das Schulgebäude plötzlich leer. Zumindest erschien es uns so, als wir davor standen. Man merkt ja nicht direkt, ob ein Haus bewohnt ist oder nicht. Aber anders als sonst, sahen und hörten wir niemanden im Haus; es wirkte verlassen. Nur, konnten wir deshalb einfach so hineingehen? Vielleicht kämen die Soldaten ja bald zurück, von einem Einsatz oder einer Übung. Wir waren sehr unsicher und wussten nicht so recht, wie wir uns verhalten sollten und berieten uns eingehend. Letztlich gab es den Ausschlag, dass der einzige Zweck unseren täglichen Wanderung die Prüfung des Hauses war. Wir konnten also unmöglich nicht reingehen. Und was konnte schon passieren?

Wir gingen also hinein. Keine Stimmen, keine Geräusche. Wir blieben als Gruppe zusammen und gingen systematisch durch alle Räume. Alles war leer, die Soldaten hatten unsere Schule tatsächlich verlassen. Allerdings hatten sie auch einiges zurückgelassen, überall lag Müll herum. Das würde eine Menge Arbeit sein, alles wieder wohnlich zu machen. Wir sahen uns nun etwas genauer um und entdeckten, dass unter den vielen achtlos weggeworfenen, offenen Dosen auch viele ungeöffnete waren. Das machte uns neugierig. Das waren nämlich offensichtlich Lebensmitteldosen. Wir gingen also nocheinmal durch alle Räume, diesmal auf der Suche nach diesen unbekannten Schätzen. Es waren vor allem kleine Portionsdosen, die Marschverpflegung der Soldaten. Für sie war es wahrscheinlich eine sehr schlichte Kost, die ihnen mittlerweile zu den Ohren hinauskam, aber für uns waren es ungewohnte Köstlichkeiten. Ob es Pulverkaffee war, Schokolade, Kaffeesahne oder Süßkartoffeln, Gemüse- oder Fischkonserven. Alles erschien uns wie ein Geschenk aus dem Schlaraffenland. Aber nach der ersten Begeisterung erinnerten wir uns auch an unseren Auftrag. Ein großes, leeres Haus ist für viele Gruppen interessant, schließlich waren überall Flüchtlinge unterwegs. Aber unserer Ansicht nach hatten wir Anspruch auf das Haus, weil wir hier ja schließlich untergebracht gewesen waren. Wir hatten es nur notgedrungen vorübergehend geräumt. Allerdings war uns auch klar, dass wir diesen Anspruch am ehesten durchsetzen konnten, wenn wir tatsächlich auch alle wieder hier wären; Kinder und Lehrerinnen.

Wir mussten also so schnell wie möglich die anderen herholen. Wir waren sieben Mädchen im Alter von fünfzehn Jahren und mussten nun ganz schnell eine Entscheidung treffen. Wir entschieden, dass zwei von uns schnellstens nach Zinst zurückgehen und die frohe Botschaft überbringen sollen. Außerdem sollten sie unseren Direktor bitten, die 6. Klasse zu unserer Unterstützung her zu schicken. Wir anderen würden hier so lange die Stellung halten. Das alles musste noch bis zur abendlichen Ausgangssperre erledigt sein. Die Zeit war knapp. Den zehn Kilometer langen Weg zweimal gehen, würde die Zeit dazu reichen? Wir Zurückgebliebenen sahen uns zweifelnd an. Was machen wir, wenn wir keine Verstärkung für die Nacht bekämen? Wir hatten keine Hausschlüssel und suchten schon mal etwas, womit wir in der Nacht die Haustür von innen versperren konnten. Doch es gab viel zu tun im Haus. Als erstes versuchten wir, wenigstens einen Raum für die Nacht herzurichten.

Keine von uns hatte eine Uhr. Und wir waren auch so in unsere Arbeit vertieft, dass wir nicht auf die Zeit achteten. Wir erschraken deshalb sehr, als unten im Treppenhaus plötzlich Stimmen zu hören waren. Vorsichtig öffneten wir die Zimmertür und sahen durch das Geländer nach unten. Aber alle Sorge war umsonst: Unten standen die 6. Klasse, unsere beiden Kuriere und unsere Biologielehrerin. Wir sausten hinunter und begrüßten sie alle stürmisch. War das eine Freude. Jetzt waren wir als Gruppe groß genug, um uns gegen andere eventuelle Interessenten durchzusetzen. Die kamen dann auch wirklich, aber erst am nächsten Tag. Es waren Flüchtlinge, die irgendwie von dem leeren Haus gehört hatten und nun sehr enttäuscht waren, dass es schon besetzt war.

Wir führten die anderen durchs Haus und erklärten, wie wir uns die Übernachtung gedacht hatten. Unsere Lehrerin lobte uns sehr und war mit unserem Plan einverstanden. Allerdings räumten wir nun auch noch einen zweiten Raum für die 6. Klasse aus. Es war zwar noch nicht alles total weggeräumt, aber es immerhin so, dass man darin schlafen konnte. Nach über fünf Wochen auf Stroh – zum Schluss nur noch auf dem Fußboden - schliefen wir zum ersten Mal wieder in einem Bett. Was für ein Luxus. Wir waren sehr optimistisch. Nun wird sicher alles besser.

Es wurde schon besser, als uns unsere Lehrerin nach unten in die Küche rief. Sie hatte aus verschiedenen kleinen Gemüsedosen eine Suppe gekocht und dazu gab es Weißbrotscheiben. Es war ein köstliches Mahl. Weißbrote lagen überall in der Küche herum, ganze und auch angeschnittene. Solch ein weißes Weißbrot habe ich nur bei den Amerikanern gesehen. Nach unserer Pellkartoffel/Sauerampfer-Kost war dieses Abendbrot ein Hochgenuss.