DINGS OHNE D

Dorfgespräche und andere Geschichten

In und aus Kemnath

April 1945

Das Gebäude der Hauswirtschaftsschule war recht groß und alle suchten sich in Windeseile Zimmer. Denn in dieser Schule gab es nicht nur Unterrichts- sondern auch Schlafräume! Wieder in einem Bett schlafen zu können war unvorstellbar schön. Außerdem hatte das Haus eine große Küche und auch noch Vorräte an Grundnahrungsmitteln. Das war gut, denn wir hatten doch schon einen ziemlich laut knurrenden Magen. Warum die Schule geräumt war, darüber dachten wir nicht nach. Wir waren froh, ein Dach über dem Kopf zu haben.

Am nächsten Morgen erkundeten wir ein wenig Kemnath und die nähere Umgebung der Schule. Kemnath ist eine kleine Stadt, etwa 20 km vor Bayreuth. Die Schule liegt an der Hauptstraße, direkt am Ortsausgang. Hinter dem Haus ist eine große Wiese. Sie fällt etwas ab und an ihrem Ende fließt ein kleiner Bach. Nach der langen Fahrt im stickigen Güterwaggon war das also ein kleines Paradies. Natürlich wollten wir auch wissen, wo die Front verlief. Wo waren die Russen, wo die Amerikaner? Wir hatten kein Radio mehr, wen konnten wir fragen? Die Soldaten, die uns hergebracht hatten, hatten uns nichts gesagt. Im Ort die Leute ansprechen? Sie sahen uns nur misstrauisch an und schüttelten den Kopf. Taten so, als verstünden sie uns nicht. Wir bekamen also nichts heraus, aber wir freuten uns an unserem schönen Haus.

Unser Glück währte nur zwei Tage. Dann kam eine SS-Streife und sagte uns, dass wir das Haus in zwei Stunden geräumt haben müssten. Direkt vor unserem Haus würde eine Panzersperre errichtet werden. Es würden also Panzer kommen und es würde geschossen werden - wir hatten sehr schnell unsere Sachen gepackt. Da mein großer Koffer in Gumpolds mit verladen worden war, entschloss ich mich jetzt alles mitzunehmen was ich tragen konnte. Den Rest würde ich zurücklassen. Wir wurden dann direkt mit LKWs in ein etwa zehn Kilometer entferntes Dorf gebracht. Wenn ich mich recht erinnere, hieß es Zinst. Es bestand aus nur etwa einem dutzend Gehöften und einem Gasthof. In dem wurden wir auch einquartiert. Aber nicht in Gastzimmern, sondern im Tanzsaal. Unser Gepäck stapelten wir wieder an der einer Seite, so, wie wir es schon im Güterwaggon gemacht hatten. Es war hier sowieso so ähnlich wie im Zug: Zum Schlafen bekamen wir nämlich nur einige Strohballen. Am Morgen schoben wir das Stroh in eine Ecke, damit es nicht dauernd betreten wurde und am Abend nur noch Spreu war.

Schlafen im Tanzsaal. Das hört sich jetzt vielleicht romantisch an oder zumindest nach einem endlos großen Raum. Zumindest war das mein erster Gedanke, aber meine Erfahrung mit Tanzsälen beschränkte sich auch auf romantische Filme vom österreichischen Kaiserhof. Aber wir waren hier im Gasthaus eines winzigen Dorfes und als Tanzsaal diente einfach der größte Raum. Der lag im ersten Stock und war verhältnismäßig groß, aber nicht riesig. Man gelangte auch nicht auf einer elegant geschwungenen breiten Freitreppe dorthin, sondern auf einer etwas verwinkelten Treppe, die man vier Stufen vor ihrem eigentlichen Ende verlassen musste um durch eine kleine Tür in der rechten Wand zu treten. Dahinter war der Tanzsaal.

Das war ein rechteckiger Raum über die gesamte Hausbreite. Es gab also auf beiden Seiten Fenster. Für die Nacht breiteten wir das Stroh vor unserem an der Wand gestapelten Gepäck aus. Und dann legten wir uns wie die Ölsardinen dicht an dicht nebeneinander ins Stroh. Es gab vier Reihen. Die erste Reihe lag mit den Füßen zu den rechten Fenstern, Kopf in den Raum. Die nächste Reihe lag mit dem Kopf an den Köpfen der ersten Reihe, die Füße in den Raum. Dann sollte ein kleiner Gang bleiben. Danach kam die dritte Reihe. Füße zum Gang, den Kopf Richtung linke Fenster und die vierte Reihe lag dann wieder Kopf an Kopf und Füße zum Fenster. Unsere sechs Lehrerinnen schliefen mit uns. Sie schliefen direkt an der Tür. Auch unser Direktor schlief mit uns dort. Allerdings in einem ganz kleinen Nebenraum. Bei Tanzveranstaltungen war das wahrscheinlich ein kleiner Kiosk oder etwas ähnliches. Dort jedenfalls verbrachte unser Direktor seine Nacht. Der Raum war so klein, dass er nicht einmal ausgestreckt liegen konnte. Aber als einziger Mann hatte er einen separaten Raum, wie es sich damals gehörte.

Wir hatten keine Decken und keine Kissen. Nur das Stroh. Und das war auch nur gerade genug, dass jede von uns ein wenig davon unter sich hatte. Das Wetter war am Tage sehr schön. Meist schien die Sonne. Doch es war ja erst Anfang April und am Abend und in der Nacht war es noch empfindlich kalt. Wenn wir schlafen gingen, zogen wir uns also dick an: Wollsocken, einen dicken Pullover oder einen Mantel, das war ganz normal. Jede von uns zog eigentlich alles an, was sie noch hatte und was übereinander zu ziehen ging.

Morgens zogen wir dann das meiste wieder aus und gingen uns waschen. Im Haus gab es allerdings keine Waschgelegenheit für uns. Aber vor dem Haus floss ein kleiner Bach. An ihm haben wir uns gewaschen und dort spülte nach den Mahlzeiten auch jede von uns ihr blechernes Kochgeschirr. Im Raum wurde das Stroh an eine Seite geschoben und sollte nach Möglichkeit am Tage nicht betreten werden. Trotzdem wurde die nächtliche Aufschüttung immer dünner. Nach ein paar Tagen hatten wir das Gefühl, als schliefen wir direkt auf dem Boden. Aber es gab kein neues Stroh.

Es gab überhaupt sehr wenig für uns. Das lag wahrscheinlich vor allem daran, dass sich niemand für uns zuständig fühlte. Außerdem herrschte wahrscheinlich überall ein ziemliches Durcheinander, weil offensichtlich die Front immer näher heranrückte. Immerhin hatter der Stadtkommandant für unseren Transport in das Dorf gesorgt, die Unterkunft organisiert und uns Stroh und drei Zentner Kartoffeln bringen lassen. Das klingt zwar nach viel, aber wir waren 63, da macht das pro Person nur etwa fünf Pfund Kartoffeln. Und da wir nicht wussten, wann wir wieder etwas bekommen konnten, waren wir sehr sparsam damit. Wir waren ja lange nicht in Deutschland gewesen, wir nicht und unsere Lehrerinnen auch nicht. Was gab es eigentlich noch an Lebensmitteln? Wo konnten wir Lebensmittelkarten bekommen? Konnten wir überhaupt welche bekommen? Vermutlich versuchte unser Direktor solche Dinge zu klären und Lebensmittel zu organisieren, aber viel kam dabei jedenfalls nicht heraus.

Auch vom Gasthaus erhielten wir keinerlei Unterstützung. Die waren nicht glücklich über unsere Einquartierung. Wir bekamen einen alten Herd auf den Hof gestellt und einen riesigen alten Topf. Den Herd heizten wir mit Holz und dann gab es jeden Tag Pellkartoffeln. Je nach Größe der Kartoffeln erhielt jede zwei oder drei Stück. Die ersten Tage haben wir sie noch gepellt. Dann wurde der Hunger größer und wir haben auch die Pelle mitgegessen. Um unsere Kost ein wenig zu verbessern, hat uns unsere Biologielehrerin auf die Wiesen geschickt, um Löwenzahn und Sauerampfer zu suchen. Den gab es dann als Salat oder als Suppe. In den ersten Tagen – das waren die letzten Kriegstage – gab es morgens auch immer mal zwei Scheiben Brot. Trocken, versteht sich.