DINGS OHNE D

Dorfgespräche und andere Geschichten

Der Krieg kommt näher

Anfang 1945

Trotz dieser scheinbaren Idylle blieb es nicht aus, dass wir uns immer öfter mit Abreisegerüchten beschäftigten. In vielen der Briefe die wir bekamen wurde gefragt, wann wir Kiritein denn nun verlassen würden. Dabei wussten wir darüber überhaupt nichts. Die Lehrer oder Brummer zu fragen hatte gar keinen Sinn. Sie sagten uns nichts. Vielleicht, weil sie selbst nichts wussten. Wir wussten allerdings immer - zumindest ungefähr - wo die Front im Osten verlief. Und da machten wir uns schon Gedanken darüber, was mit uns werden sollte. Wir waren ja tief in Mähren, also sehr weit östlich in der Tschechei.

Dann kam eines Tages, es war der 1. Februar 1945, ein Mädchen in den Aufenthaltsraum gerannt und rief, dass die Russen zehn Kilometer vor Küstrin wären. Das versetzte uns alle natürlich in große Aufregung. Schließlich ist Küstrin nur ungefähr fünfzig Kilometer von der Berliner Stadtgrenze entfernt. Und wir waren so viel weiter weg von Zuhause. Wir warteten also mit Spannung auf die Nachrichten am Abend, aber über das, was uns am meisten beschäftigte, wurde nichts gesagt.

Doch dann überschlugen sich die Ereignisse. Schon am nächsten Tag mussten wir uns nach dem Frühstück im Tagesraum versammeln und erfuhren, dass wir am nächsten Morgen um dreiviertel Acht (falls dir das nichts sagt: um 7.45 Uhr), vom Bahnhof Blanz abreisen würden. Das verschlug uns glatt die Sprache. So schnell? Und so plötzlich? Wir erfuhren sogar auch direkt unsere neue Adresse. Wir kamen nach Gumpolds. Das liegt in Böhmen, in der Nähe von Iglau. Dort würden wir in einem ehemaligen Waisenhaus unterkommen. Das sei ein Musterlager und solle das beste im ganzen Protektorat sein.

Nun hieß es schnell den Eltern die neue Anschrift und die Abreise mitteilen, den Koffer vom Boden holen und alles einpacken. Eine Einschränkung gab es allerdings. Wir würden in zwei Transporten fahren. Zuerst die Klassen 2, 3 und 4 und nach 3 Tagen dann die Klassen 5, 6 und 7. Wir Großen solten noch helfen, die Schulsachen einzupacken. Aber zuerst waren unsere eigenen Sachen dran. Es war eine unbeschreibliche Hektik. Und am Abend dann die Nachricht: Klasse 5 – also wir – fährt auch schon morgen früh.

Trotz aller Hektik haben wir es aber geschafft, unsere vielen Sachen rechtzeitig einzupacken. Ob aber die Großen es in drei Tagen schaffen würden, alle Schulsachen und die Kleiderkammer mit der gesamten Bettwäsche, Handtüchern usw. innerhalb von drei Tagen zu verstauen, erschien uns anderen doch recht fraglich. Wie es sich später zeigte, war unser Zweifel völlig berechtigt. Sie kamen fast 3 Wochen später.

Gumpolds war eine richtige kleine Stadt und das Haus, in dem wir untergebracht wurden, lag ziemlich mitten drin. Allerdings würden wir dort keinen Unterricht mehr haben. Das bedeutete aber nicht, dass wir gar keinen hätten. Wir wurden nur einer anderen Berliner Schule unterstellt, waren also nicht mehr selbständig. Das hieß für unseren Direktor, dass auch er sich der anderen Direktion unterordnen musste. Mit unserer Ankunft füllten wir also die Klassen der anderen Schule auf. Wir fanden das nicht so gut, mussten aber einsehen, dass wir zum Teil sehr kleine Klassen hatten.

Unser Haus hatte große, helle Räume und wir gingen daran, es uns gemütlich zu machen. Hier brauchten wir auch unsere Schlafräume nicht mehr selbst zu heizen. Das Haus hatte eine Zentralheizung, ein für uns ganz ungewohnter Luxus. Es war im ganzen Haus so warm, dass wir schon daran dachten, unsere Sommersachen hervor zu holen.

Neben diesen eher kleinen und zum Teil auch angenehmen Veränderungen gab es auch sehr einschneidende. Es gab nämlich jeden Tag Fliegeralarm. In Kiritein hatten wir in einer friedlichen kleinen Oase gelebt, weit weg vom Kriegsgeschehen. Wir wussten vom Krieg und sorgten uns um unsere Familien, aber wir bemerkten ihn nicht. Die Schule und die Aufgaben des nächsten Tages waren uns viel näher. Der ständige Fliegeralarm erinnerte uns nun sehr deutlich daran, dass Krieg herrschte.In unserem Haus gab es keinen Luftschutzraum, wir mussten einen uns zugewiesenen aufsuchen, der etwa fünf Minuten Fußmarsch entfernt war. Gumpolds selbst war zum Glück kein Angriffsziel, lag aber immer im Anflugsgebiet.

Und noch etwas anderes machte uns die Dramatik der Lage augenscheinlich: Tag für Tag zogen endlose Flüchtlingskolonnen durch die Stadt. Manche hatten hoch beladene Karren, Kinderwagen oder ähnliches dabei, andere trugen nur ein kleines Bündel mit sich. Hier ein Ausschnitt aus einem Brief, den ich am 1. März 45 an meine Eltern nach Berlin schrieb:

„... Noch ist hier alles beim Alten. Nur hatten wir heute das 2. Mal Alarm. Das war weniger schön, da er über 1 ½ Stunden dauerte. Ihr habt ja auch jetzt jeden Abend und manchmal sogar Mittags Alarm. Wenn wir keine Schularbeiten machen, haben wir meist das Radio laufen. Da hören wir ja auch immer die Luftlagemeldungen und beurteilen danach, ob sie wieder nach Berlin fliegen. Meist ist das ja allerdings der Fall. Ist bei uns etwas beim letzten Terrorangriff geschehen?

Genau wie ihr in Berlin, so sehen auch wir hier fast täglich Flüchtlingszüge vorbeiziehen. Auch heute geht es schon seit dem frühen Morgen an unserem Haus vorbei. Die Meisten werden in unserem Nebenhaus, dem Deutschen Haus, untergebracht. Von dort werden sie dann weiter transportiert. Bis vor wenigen Tagen waren es Banatdeutsche. Die heute kommen, sollen Reichsdeutsche aus Ungarn sein. Sie scheinen aber nicht viel mitgenommen zu haben, denn sie tragen nur das Nötigste bei sich.“ .......

Für uns hatte sich das Lagerleben schnell wieder eingespielt, wir hatten mittlerweile ja alle darin Routine. Auch an die neuen Klassenkameradinnen und Lehrer hatten wir uns schnell gewöhnt. Der Schulalltag war für uns das Wichtigste, um ihn drehte sich alles. Jedenfalls hier vor Ort. Aber natürlich machten wir uns Sorgen um unsere Familien in Berlin. Besonders schlimm war es, wenn einige Zeit keine Post kam. Oder, was noch schlimmer war, wenn wir Briefsperre hatten. Dann waren wir sehr nervös und aufgeregt. Die Lehrer hielten uns dann mit besonderen „Beschäftigungsprogrammen“ auf Trab.