DINGS OHNE D

Dorfgespräche und andere Geschichten

Los gehts

27. Mai 1945

Im Nachhinein würde ich sagen, dass wir vielleicht etwas blauäugig waren. Wir waren sehr behütete Mädchen, die sich aufmachten zweihundert Kilometer durch ein kriegsverwüstetes Land zu marschieren. Sicher, wir wussten, dass wir zur Not nicht viel brauchten. Ein paar Kartoffeln und etwas Löwenzahn, damit kamen wir schon für eine Weile zurecht. Wahrscheinlich half es auch, dass wir vom Krieg selbst gar nicht so viel mitbekommen hatten. Im KLV waren wir weit davon weg und auch in Deutschland hatten wir keine direkten Kämpfe erlebt. Und mittlerweile war der Krieg ja sowieso vorbei und die Amerikaner sorgten für Ordnung. Es schien uns ein guter Moment, nach Hause zu gehen.

Wir hatten uns eine Route überlegt, die fast direkt nach Norden verlief. Wir mussten nur zunächst nach Bayreuth, das lag rund 25 Kilometer nordwestlich von uns. Wir schlugen also zunächst einen Bogen, konnten dann aber die meiste Zeit mehr oder weniger geradeaus gehen und hätten auch hinreichend viele Ortschaften auf dem Weg, um uns zu verpflegen und nachts unterzukommen.

Da wir erst am Nachmittag starteten, würden wir es heute nicht mehr bis Bayreuth schaffen, das war klar. Es galt ja immer noch die Sperrstunde - ab 18 Uhr durfte niemand mehr auf der Straße sein. Die Sperrstunde war eigentlich auch schon alles, was wir an Zeitplan hatten. Wir wussten nicht einmal annähernd, was uns auf der Straße erwartete. Wir wussten nur, dass wir jetzt zu unseren Familien wollten.

Dennoch war es gut, dass die anderen nun mit packen und dem Umzug beschäftigt waren. Und dass ich nicht allein war. Denn als wir losgingen wurde mir doch bewusst, was ich aufgab: Die Sicherheit der Gruppe, ein Dach über dem Kopf, die Lehrerinnen die sich kümmerten ... all das ließ ich zurück.

Egal. Die Rucksäcke waren geschultert, jetzt mussten wir sehen, dass wir gut vorankamen.

An diesem ersten Tag haben wir nur etwa zehn Kilometer geschafft. Wir wollten keinesfalls in die Sperrstunde kommen und sind deshalb auch nicht bis zur letzten Minute gelaufen, sondern sahen uns beizeiten nach einer Unterkunft für die Nacht um. Auch das mussten wir lernen.

In einem kleinen Dorf fragten wir bei einem Bauern nach einem Schlafplatz in einer Scheune. Und wir hatten auch sofort Glück. Der Bauer zeigte uns die Scheune und wir suchten uns eine Ecke aus, machten es uns bequem. Mit Gepäck laufen war ja für uns noch sehr ungewohnt. Was waren wir froh, als wir unsere Sachen ablegen konnten! Ich zog mir auch sofort meine Wanderschuhe aus (es waren natürlich keine richtigen Wanderschuhe, sondern einfach normale leichte Schnürschuhe) und erlebte meine erste Überraschung: Überall Blasen. An beiden Fersen und an drei Zehen. Das konnte ja heiter werden. Dabei hatte ich unterwegs gar nichts davon bemerkt. Um es gleich zu sagen: Es sind noch viele weitere Blasen hinzugekommen. Jeder Zeh hatte vorne eine, rund herum um die Fersen, an den Seiten und unter der Sohle. Es gab an meinen Füßen keine Stelle, an der keine Blase war. Trotzdem hatte ich während des Laufens keinerlei Schwierigkeiten damit. Schlimm war es nur morgens, nach dem Aufstehen. Ich musste sehr genau aufpassen, damit ich nicht die kleinste Falte im Strumpf hatte, wenn ich die Schuhe anzog. Die ersten Schritte waren immer schmerzhaft. Doch dann ging es.

Nun waren wir also die erste Nacht allein in einer Scheune. Das dachten wir jedenfalls. Doch in der letzten halben Stunde vor Beginn der Sperrstunde kamen ständig Soldaten zu uns hinein, die genau wie wir eine Unterkunft brauchten. Zum Schluss waren wir wohl 15 Personen darin. Manche der Soldaten waren überrascht, Kinder hier anzutreffen. Noch dazu Mädchen. Einige fragten wo wir herkämen und wo wir hinwollten. Aber die meisten waren recht wortkarg und wollten nur schlafen.

Am nächsten Morgen wurden wir schon sehr zeitig wach, denn einige der Soldaten wollten direkt um sieben Uhr weitergehen, wenn die Sperrzeit wieder aufgehoben war. Sie hatten sicher noch einen langen Weg vor sich. Wir hatten es nicht ganz so eilig und hatten Glück, denn wir bekamen von dem Bauern noch ein Frühstück. Wir starteten also mit vollem Magen. Ich fand, unsere Wanderschaft ging erst jetzt so richtig los.