DINGS OHNE D

Dorfgespräche und andere Geschichten

Wieder zu Hause

Anfang August 1945

Ich war wieder in Berlin und damit ist die Geschichte meiner Kriegserlebnisse hier eigentlich zu Ende. All die Sorgen der letzten Jahre waren vergessen. Unsere Familie hatte den Krieg scheinbar recht gut überstanden, alle waren am Leben. Und wir waren wohl auch nicht ausgebombt, das hätte meine Mutter mir sonst sicher erzählt.

Ich weiß noch, dass ich, auf dem Boden Berlins stehend, sehr glücklich war. Ich war wieder zuhause und das Schlimmste lag hinter uns. Von nun würde alles besser werden. Ich blickte sehr optimistisch in die Zukunft.

Aber tatsächlich waren die Nachkriegsjahre für mich chaotischer als meine Jahre der Verschickung. Denn mit dem Ende des Krieges hörte zwar das Kämpfen auf, aber deshalb kehrte natürlich trotzdem nicht mit einem Schlag die Normalität zurück. Aber damals war mir das nicht klar. Und deshalb schreibe ich noch ein wenig weiter und berichte über mein Leben in Berlin, in den Jahren nach dem Krieg.

Was ich bei dieser Gelegenheit aber doch sagen möchte: Über das, was ich auf den bisherigen Seiten berichtet habe, habe ich nie gesprochen. Nicht mit meinen Eltern, nicht mit meiner Schwester oder meinen Schulkameradinnen, nicht mit Lehrern. Denn es hat nie jemand danach gefragt, wie es mir - oder vielleicht besser: uns, uns Kindern - in dieser Zeit ergangen ist. Vermutlich hätte ich bei passender Gelegenheit etwas erzählen, etwas zum Besten geben können. Aber dafür bin ich nicht der Typ. Allerdings hörte ich auch kaum andere über diese Zeit sprechen. Es war also wohl normal. Der Krieg war vorbei, Deutschland lag in Trümmern, da konnte man nicht zurückschauen sondern musste nach vorne blicken. Überlebensstrategie.
Aber fünfzig Jahre nach Kriegsende möchte mein Enkel von mir hören, wie ich den Krieg erlebt habe. Und da fällt mir auf, dass ich das zum ersten Mal jemandem erzähle.

Jetzt aber weiter mit dem Weg nach Hause: Wir waren in Lichterfelde vom Zug gestiegen, aber bis nach Reinickendorf war es noch sehr weit. Wir liefen zunächst bis zum Bahnhof Grunewald. Dort hofften wir in die S-Bahn steigen zu können, die auf einigen Teilstücken bereits wieder fuhr. Das klappte auch und ich war sehr froh, dass wir nicht den ganzen Weg laufen mussten. Nach dieser Reise waren wir doch beide ziemlich müde. Aber wie groß war erst meine Freude als ich sah, dass vom Gesundbrunnen aus auch schon wieder eine Straßenbahn fuhr! Das war selbst für meine Mutter neu. Als sie aus Berlin abfuhr, gab es diese Verbindung noch nicht. Die Straßenbahn fuhr zwar nur einmal in der Stunde, aber wir warteten gerne auf sie. Schließlich kamen wir an der Residenzstraße an, unserer Haltestelle. Nach all der Zeit und all den Mühen war ich endlich wieder in der vertrauten Umgebung. Ich sah mich um. War noch alles so, wie ich es in Erinnerung hatte? Auf den ersten Blick waren in unserer Straße nur wenige Häuser zerbombt.

Aber nun erst mal nach Hause. Von der Haltestelle bis zu unserem Haus war es nicht weit. Ich eilte voraus, meine Mutter kam hinter mir her. Kurz vor unserem Hauseingang kam uns mein Vater schon aus der Tür entgegen. Er hatte uns wohl zufällig kommen sehen. Aber er rannte an mir vorbei auf meine Mutter zu und fragte: „Und wo ist Gisela?“ Er hatte mich nicht erkannt, genau wie meine Oma in Weimar.

Aber dann war die Wiedersehensfreude groß. Nun fehlte nur noch meine kleine Schwester. Was würde sie wohl sagen, wenn ich wieder da war? Ich lief die Treppen nach oben, hatte es sehr eilig. Aber meine Mutter rief mich in der zweiten Etage zurück: „Halt! Nicht weiter!“

Warum denn das? Sie hatte mir unterwegs gesagt, dass ich zu Hause eine Überraschung erleben würde. Kam die jetzt? Sie öffnete jedenfalls in dieser Etage eine Wohnungstür. Und dann eines der Zimmer. Und dann sah ich die Überraschung, es war keine schöne. Das Zimmer war vollgestopft mit unseren Möbeln und dem Hausrat. Und mittendrin saß meine Schwester auf einem Stuhl. Groß war sie geworden und dünn war sie. Ich glaube, wenn ich sie zuerst auf der Straße getroffen hätte, ich wäre an ihr vorbei gelaufen ohne sie zu erkennen. Genau so, wie mein Vater mich nicht erkannt hatte.

Aber was war geschehen? Das Haus stand doch noch und hatte auch keinen Bombentreffer abbekommen. Warum waren wir nicht mehr in unserer Wohnung? Ich erfuhr, dass wir die Wohnung räumen mussten weil es eine Dienstwohnung war. Mein Vater, der als Beamter in der Partei gewesen war, durfte jetzt nicht mehr im öffentlichen Dienst arbeiten. Also auch nicht in der Dienstwohnung leben. Das war ja nun eine böse Überraschung. Meine Mutter sah auch ganz unglücklich aus als sie mir das erzählten.

Immerhin hatten wir in diese Wohnung im zweiten Stock ziehen können. Wobei, es war keine Wohnung, nur ein Büroraum. Und wir konnten nur hier bleiben, weil zwar eigentlich das ganze Gebäude der Post gehörte, aber nur die oberen beiden Etagen zum Fernmeldeamt, die unteren beiden gehörten zur Briefpost. Die Kollegen meines Vaters, denen er leid tat, hatten das ermöglicht.

Ich sah mich um. Der Raum war nicht groß. Ein ganz gewöhnliches Büro eben. Darin lebten, wohnten und kochten nun vier Personen. Mit ihren gesamten Möbeln. Für die Nacht wurde ein Matratzenlager hergerichtet. Zum Glück dauerte dieser Zustand nicht sehr lange. Wir wurden nach einigen Wochen vom Wohnungsamt in eine 3-Zimmer-Wohnung eingewiesen, in der wir zwei der Zimmer bewohnen würden. Das dritte und die große Wohnküche bewohnte eine Kriegerwitwe mit ihren Eltern und ihrer 18-jährigen Tochter. Mit dem Elektroherd, den wir aus der alten Wohnung mitgenommen hatten, kochten wir in einem der Zimmer. Das Bad nutzten beide Familien gemeinsam, dort holten wir auch unser Wasser zum Kochen.

Nun waren wir also mit Möbeln und Hausrat in unserem neuen Zuhause. Es war eigentlich eine schöne, großzügige Wohnung - für eine Familie. Vorher hatte hier wohl ein Parteibonze gewohnt, der bei Kriegsende geflüchtet war. Verglichen mit dem Büro, in dem wir uns die letzten Wochen gedrängt hatten, war es aber auch für uns ein echter Aufstieg. Von einem langen Korridor kam man in das erste, das kleinere Zimmer. Meine Eltern beschlossen: das wird die Küche und gleichzeitig das Wohnzimmer. Es war der kürzeste Weg für meine Mutter, das benötigte Wasser aus dem Bad zu holen. Und Wohnzimmer auch deshalb, weil es einen großen Kachelofen hatte, der hoffentlich gut heizen würde. Von diesem Zimmer kam man in das andere. Es war etwas größer und hatte Fenster nach beiden Seiten. Allerdings fehlten in diesen Fenstern viele Scheiben, sie waren mit Pappe oder Brettern vernagelt.

Ein großes, dreistöckiges Eckgebäude an einer großen Straße. Auf der Straße sieht man dunklen Schneematsch und an den Rändern weißen Schnee. Die Straße ist breit, aber es fahren keine Autos. Einige Menschen warten in der Mitte der Straße an einer Straßenbahnhaltestelle. Das Haus hat Balkone, im Erdgeschoss ist ein Laden, vor dem Haus stehen in der Hauptstraße kleine und in der Nebenstraße große Bäume, die aber alle unbelaubt sind.
Das Haus in der Residenzstraße, markiert ist unser Zimmer mit dem Erker.
Undatiert, vermutlich Mitte bis Ende der 40er Jahre.

Das Haus war ein Eckhaus. So sahen wir rechts auf die große Straße, wo auch die Straßenbahn fuhr und links in eine Nebenstraße. Die Ecke zwischen diesen beiden Seiten bildete einen Erker, mit einem weiteren Fenster. Unsere ursprüngliche Raumaufteilung wurde aber oft umgestoßen. Irgendwann zog mein Vater zum Beispiel vor dem Erker noch eine Wand ein, so dass ein winzig kleiner Raum entstand. Für einige Jahre diente er uns dann als Küche, letztlich aber wurde es das Zimmer meiner Schwester. Aber zu dieser Zeit wohnte ich schon lange nicht mehr hier, ich zog 1950 aus, als ich heiratete. Eva würde bis 1957 hier wohnen und meine Eltern bis Mitte der 60er Jahre, genau weiß ich es nicht mehr. Aber spätestens 1968 zogen sie nach Moabit, in die Waldenserstraße. Familie Karge, mit denen wir uns die Wohnung all die Jahre teilten, blieb noch länger dort. Aber von nun an hatten sie die Wohnung für sich allein.