DINGS OHNE D

Dorfgespräche und andere Geschichten

Der Schulweg - Meisters Werk 2

Durch das Buch hatte sich die Methode des Meisters im ganzen Land verbreitet und immer mehr Menschen kamen in den kleinen Ort.

Viele von ihnen wollten nicht nur sehen wo und wie er gelebt hatte, nein, sie strebten nach der im Buch beschriebenen Glückseligkeit, der vollkommenen Harmonie in jedem Augenblick ihres Seins.

So kam es, dass die ehemaligen Schüler des Meisters plötzlich zu Lehrern wurden. Sie wurden derartig bedrängt, dass ihnen kaum etwas anderes übrig blieb, als eine Schule zur eröffnen. Aber eigentlich hatten sie auch nichts dagegen, schließlich wollten sie seine Lehre, die sie liebten, ja weitergeben.

Allerdings zeigten sich im Alltag des Schulbetriebs bald Schwierigkeiten, mit denen sie nicht gerechnet hatten.

Ihr Meister hatte ihnen erklärt, dass das, was er ihnen erzählte, ganz sicher nur einer von sehr vielen Wegen zum Ziel war. Auch sei wahrscheinlich nicht jeder Weg für jeden gleichermaßen geeignet. Und sie mögen bitte auch bedenken, dass er ihnen vielleicht Unsinn erzählte. Natürlich nicht absichtlich, aber er habe seine Fähigkeit ja nicht auf dem Weg erlangt, den er ihnen beschrieb. Nur weil es ihnen offensichtlich so schwerfiele, ließe er sich die verschiedensten Dinge einfallen. Um ihnen zu helfen. Aber letztlich ginge es um das Erreichen eines bestimmten Zustands und wie sie dort hinkämen … das sei völlig gleichgültig.

All das wussten seine Schüler oder zumindest wussten sie, dass er das so gesagt hatte. Für sie war es ja eben nicht einfach, sie hatten nicht seinen Gleichmut, seine Geduld, seine schier unendliche Freundlichkeit jedem gegenüber. Sie strahlten nicht in jedem Moment pures, reines Glück aus. Aber sie wollten unbedingt so werden wie er und deshalb widmeten sie sich mit aller Kraft jeder Übung die er ihnen empfahl. Das konnte eine bestimmte Atemtechnik sein, eine Art zu meditieren, eine langwierige Bewegungsfolge die sie erlernen oder eine Verhaltensweise, die sie in ihrem Alltag zur Gewohnheit machen sollten.

Entsprechend der verschiedenen Übungsformen hatten sie den Unterricht an ihrer Schule in Kurse gegliedert. Und da der Meister sich im Laufe der Zeit zu sehr vielen Themen geäußert hatte, gab es noch einige weitere Kurse, wie zum Beispiel über Ernährung, Politik, Familienleben oder auch den Umgang der Menschen miteinander. Alles Themen, die sie auch im Buch angesprochen hatten, meist allerdings nur mit einer kurzen Anekdote.

Was den Unterricht unerwartet schwierig machte war, dass ihnen das Buch oft sehr konkrete Grenzen setzte. Ihre Schüler hatten es natürlich alle gelesen und wurde im Unterricht etwas von ihnen verlangt, das sich darin nicht fand – so lehnten sie es meist rundheraus ab.

Es hatte sich bei ihnen nämlich irgendwie der Glaube festgesetzt, dass es vor allem darauf ankam alles genau so zu tun, wie es im Buch beschrieben war. Und das bedeutete auch, nichts zu tun, was nicht darin stand.

Die Lehrer sagten oft mit quengelnder Stimme zueinander ‚Aber das steht so nicht im Buch!‘ und dann verdrehten sie die Augen und lachten. Aber es war ein wehmütiges, verzweifeltes Lachen, denn sie alle wurden immer wieder mit diesem Satz konfrontiert und konnten dann ihren Unterricht nicht so fortführen, wie sie es im Sinne des Meisters und ihrer Erfahrung für richtig hielten.

Sie waren nicht wie ihr Meister, nicht annähernd, keiner hätte das von sich behauptet. Aber sie hatten ihn erlebt. Zwar kannten sie das Ziel nicht aus eigener Erfahrung, aber sie hatten es gesehen. Für sie war es nicht nur eine Geschichte aus einem Buch.

Ach ja, das Buch. Während die neuen Schüler es meist voller Ehrfurcht als ‚Die Worte des Meisters‘ bezeichneten, manche sogar sagten ‚Aber es steht geschrieben, dass …‘, verfluchten sie selbst es mittlerweile eher. Und es gab schon die ersten Übersetzungen. Bald würden vermutlich Menschen aus aller Herren Länder bei ihnen auftauchen. Was die sich dann wohl vorstellten?

Zu all dem kam noch das Problem, dass die Lehrer zwar jahre-, einige sogar jahrzehntelange Erfahrung mit den verschiedenen Übungsformen hatten, sie zum Teil meisterlich beherrschten, dass sie aber gleichwohl ihren eigentlichen Zweck, die Idee hinter ihnen, gar nicht kannten.

Aber irgendwie würden ihnen diese Übungen beim Erreichen des Ziels ganz sicher helfen. Hoffentlich. Wobei … so richtig funktioniert hatte es bisher noch bei keinem.

Aber immerhin, weil sie wussten, dass es auf all die Techniken und Übungen im Grunde nicht ankam, hatten sie es auch so in das Buch geschrieben. Ganz deutlich. Und ausführlich. Gleich in die Einleitung. Hatten sie doch … oder? In der ursprünglichen Fassung hatte es auf jeden Fall gestanden.

Aber als sie, um ganz sicherzugehen, jetzt nachschauten, fanden sie keine Spur mehr davon. In all den Überarbeitungen war es wohl irgendwann auf der Strecke geblieben.

Naja, genau genommen machte es sich ja auch wirklich nicht so gut, wenn man möglichst genau ganz konkrete Wege beschreibt und gleichzeitig sagt: ‚Aber nimm das alles nicht so wichtig, es kann auch ganz anders sein‘.

Obwohl, doch … jetzt fällt es einem von ihnen wieder ein. Sie hatten sich schließlich darauf geeinigt, das Nachwort mit etwas enden zu lassen, das für sie all das auszudrücken schien – und das überdies wirklich gut klang. Der Meister hatte es einmal zu einem der neueren Schüler gesagt, als der mit ihm über die Methodik diskutieren wollte und dabei ins Feld führte, dass es doch hieße, der Weg sei das Ziel.

Woraufhin ihm der Meister fest in die Augen sah und mit für ihn ungewöhnlich eindringlicher Stimme sagte:

Es gibt unendlich viele Wege, einer davon liegt in dir.

Das, so fanden sie, sei ein großartiger und motivierender Abschluss für das Werk.

Kurz hatten sie auch überlegt, noch das anzufügen was ihr Meister in die andächtige Stille gesagt hatte, die auf seine Worte folgte, nämlich: Klingt auch gut, oder? Und er hatte gekichert. Als er ihre betretenen Gesichter sah, lachte er laut auf und ermahnte sie kopfschüttelnd: Kinder, Kinder, das sind nur hübsche Worte. Gebt ihnen nicht zu viel Bedeutung. Worte können Erfahrung nicht ersetzen.