DINGS OHNE D

Dorfgespräche und andere Geschichten

Meisters Werk

Es war einmal ein Mann, der etwas entdeckte.
Etwas, das jeden glücklich machte, der es tat. Es schien ihm ganz leicht und naheliegend zu sein, aber niemand sonst schien es zu tun.
Aber seine Begeisterung war ansteckend und in jedem Moment bewies er, einfach durch seine Art, wie zutreffend seine Behauptungen über seine Entdeckung waren. Dadurch schlossen sich ihm immer mehr Menschen an, die diese Fähigkeit auch erlangen wollten.

Zu seinem Erstaunen bemerkte er nun, dass das, was ihm so leicht fiel, für die anderen sehr schwierig, ja unmöglich war. Er ersann deshalb verschiedene Wege, auf denen seine Schüler die Fähigkeit erlangen könnten. Da er von niemandem wusste, der das in der Vergangenheit schon einmal versucht hätte, musste er alles selbst entwickeln. Und so probierte er vieles aus, entwarf Übungen, feilte an ihnen, verwarf einige, behielt andere.
Er merkte, dass manches gut funktionierte und seine Schüler dem Ziel näherbrachte; und anderes, das er als gute Idee angesehen hatte, überhaupt nicht zu funktionieren schien.

Da ihm die Aufgabe so bedeutend erschien, verbrachte er den ganzen Rest seines Lebens damit, sich selbst in der Fähigkeit zu üben; und stellte dabei fest, dass er sie immer noch verfeinern konnte. Ebenso arbeitete er weiterhin an den Übungen für seine Schüler und so wie er selbst dazulernte, passte er den Unterricht für seine Schüler an.

Dieser Unterricht bestand zu einem guten Teil aus körperlichen Übungen, welche ihm hilfreich erschienen um zum Ziel zu gelangen; mehr und mehr aber auch aus Vorträgen, in denen er den Kern seiner Erkenntnis sprachlich zu vermitteln versuchte. Da es für ihn so klar und einfach war, meinte er nur die richtigen Worte finden zu müssen und seinen Schülern würde es ebenso leicht fallen.

Allein, es klappte nicht. Es ließ sich einfach nicht in Worte kleiden. Keinem seiner Schüler gelang es auch nur annähernd so gut wie ihm. Sicher, einige machten Fortschritte und er sah, dass sie sich weiterentwickelten – aber zur wirklichen Beherrschung der Fähigkeit fehlte doch noch sehr viel.

Aber er gab nicht auf. Er unterrichtete, versuchte dieses, versuchte jenes, erklärte es so, erklärte es anders.
Irgendwann begannen seine Schüler das, was er erzählte, mitzuschreiben. Zunächst nur gelegentlich, das, was ihnen zu diesem Zeitpunkt besonders interessant erschien, später schrieben sie systematisch alles mit.

Noch später, einige Zeit nach dem Tod des Meisters (so nannten ihn seine Schüler schon lange), beschlossen einige der Schüler, dass sein Wissen für die Nachwelt bewahrt werden müsste. Da der Meister nur mit ihnen gesprochen und geübt hatte, waren sie die einzigen, die dazu in der Lage waren. Sie versammelten sich, tauschten ihre Erinnerungen an den Unterricht aus und sichteten ihre unzähligen Notizen.

Es zeigte sich, dass sich die Schüler überhaupt nicht darin einig waren, welche Übungen wichtig und welche unwichtig, welche für bestimmte Aspekte der Fähigkeit unerlässlich und welche von ganz grundlegender Bedeutung waren. Dazu kam, dass sich viele der Beschreibungen des Meisters zu widersprechen schienen: Oft hatte er verschiedene Wege zur Erlangung des Ziels beschrieben, die unmöglich alle stimmen konnten.

Als der Meister es erzählte, schien alles klar und einfach, nun aber, da sie versuchten sein Wissen zu systematisieren, war es mit der Klarheit vorbei. Dazu kam, dass noch immer niemand der Erkenntnisstufe des Meisters nahe gekommen war.

So gab es endlose Streitereien. Einige der Schüler verließen die Gruppe, die Stilleren gaben es auf, ihren Standpunkt zu verteidigen, einige ließen sich überzeugen, andere überreden und schließlich einigte man sich auf ein klares, nachvollziehbares Übungsprogramm und die (wie die Schüler meinten) wichtigsten und bedeutungsvollsten Gedanken des Meisters. Zwar war es nur ein geringer Teil seiner geistigen Hinterlassenschaft, aber die Schüler waren sicher, das wichtigste ausgewählt zu haben und waren zu recht stolz auf ihre Arbeit.

Damit das ganze nun auch für andere nutzbar wurde, mussten sie es allerdings noch in eine zusammen­hängende, verständliche Form bringen. Das Wissen des Meisters sollte als Buch erscheinen. Zwar hatte noch keiner von ihnen jemals ein Buch geschrieben, schon gar kein Lehrbuch, aber sie machten sich unverdrossen auch an diese Aufgabe.
Dabei stellten sie fest, dass die gesprochenen Worte ihres Meisters, als geschriebener Text viel von ihrer Wirkung verloren. Er hatte ja zu ihnen gesprochen, sie waren Wissende, wussten worum es ging. Das Buch aber sollte jedermann überzeugen und auf den richtigen Weg bringen können.

Also feilten sie an den Worten des Meisters. Vereinfachten hier, verdeutlichten dort, betonten dieses, strichen jenes. Wiesen besonders auf die Bedeutung dessen hin, was sie selbst glaubten verstanden zu haben und wiederholten die Dinge, die der Meister auch ihnen immer wieder gesagt hatte. Schließlich war das Buch fertig.

Sie konnten die Methode des Meisters der Welt übergeben. Und die Botschaft war eindeutig und unzweifelhaft wahr: Dies sind die Worte des Meisters. Seine Schüler haben sie direkt aus seinem Mund erfahren und aufgeschrieben.
Befolge sie Wort für Wort und du beschreitest den Weg, den er vorgegeben hat und wirst das Ziel erreichen.